McCOY TYNER - FREDDIE HUBBARD QUARTET

Tyner Hubbard cover web

Album: Live At Fabrik, Hamburg 1986
Label: Jazzline
Vertrieb: Broken Silence
VÖ: 8. April 2022
Formate: 2CD • 3LP • Digital
 
 

Der Trompeter Freddie Hubbard war 1986 in der „Fabrik“ Gast im Trio von einem der bedeutendsten Pianisten des zeitgenössischen Jazz: McCoy Tyner, dessen extrem wuchtiger Anschlag dem virtuosen Spiel stets perkussive Power der energischsten Sorte hinzufügte.

 

McCoy Tyner ist im März 2020 gestorben, die Aufnahmen von 1986 (da ist er 58 Jahre alt) zeigen ihn auf der Höhe jenes unverwechselbaren Ausdrucks, der ihn ausmachte. Sein Klavier und die enorme Strahlkraft der Trompete von Hubbard (vom gleichen Jahrgang 1938 wie Tyner, aber schon 2008 verstorben) sind die herausragenden Protagonisten, aber auch Bassist Avery Sharpe, Jahrgang 1954 und akustisch wie elektrisch bestens bewährt, sowie Louis Hayes, noch heute, mit weit über 80 Jahren, der unverwüstlichste aller modernen Schlagzeuger, veredeln die gleich auf zwei CD’s versammelten Titel dieses Konzertabends zum Glanzlicht der Epoche.

Die Verrückten von Altona

Von „Onkel Pö’s Carnegie Hall“ am Lehmweg in Hamburg-Eppendorf war ja schon sehr ausführlich die Rede im Zusammenhang mit Aufnahmen der Jazz-Redaktion im Norddeutschen Rundfunk, die im Club von „Onkel Pö“ (so die Kurz-und Koseform) entstanden sind. Das oft mit Freundinnen und Freunden aller Arten von Jazz picke-packe-volle Lokal wurde ja über die Jahre hin mindestens so berühmt wie die Musikerinnen und Musiker, die hier spielten vor NDR-Mikrophonen und –Kameras. Manche Karriere hat hier richtig Schwung bekommen – oder (wie beim unvergessenen Al Jarreau) akkurat und überhaupt hier begonnen, auf dem Nudelbrett von Bühne schräg gegenüber der Bar, an der die unvergessene Harriett zapfte und bediente.

 

Der andere, auch recht berühmte und bis heute überlebensstarke Hamburger Konzert-Ort liegt im tieferen Westen der Stadt, in Altona: die „Fabrik“, seit 1899 Produktionsstätte der Holzfirma Hespe & Lembach (und später auch mal Munitionsschmiede), seit Besetzung und Übernahme 1971 dann wie ein gestrandetes Krokodil an die Barnerstraße mitten im bunten Kiez geschmiegt. Hier war nie das Projekt eines Teams von musikalisch ambitionierten Geschäftsleuten zu bestaunen (wie das im „Onkel Pö“ ja erst Peter Marxen und dann Holger Jass waren), hier brach sozusagen die politisch neue Zeit an. Ein Feuer im Haus konnte den Weg der „Fabrik“ 1977 nur für kurze Zeit aufhalten – nach gründlicher Renovierung, unterstützt von der Stadt und einer immer größeren Fan-Gemeinde, war das Team in der „Fabrik“ stärker und selbstbewusster als zuvor.

 

Thomas Engel erinnert sich, neben Initiator und Eigner Horst Dietrich (2014 gestorben) musikalischer Programm-Chef zu der Zeit, in der unsere Jazz-Geschichten aus dem NDR-Archiv spielen: „Die 80er Jahre wurden einzigartig für dieses Land. Und die ‚Fabrik‘ war das Wohnzimmer der links-alternativen Szene. Selbst die FDP verfügte ja damals über einen linken Flügel … Die ‚Fabrik‘ war aber auch ein Ort unerwarteter Kompromisse. Ökologisch radikale Sonderlinge gründeten hier im Schulterschluss mit rechten Narren die Grün-Alternative-Liste, Grabenkämpfe inklusive. Und das musikalische Programm dazu war so vielfältig wie nie wieder danach. Wo konnte man schon die ‚Bots‘, die lokalen ‚Jailhouse Jazzmen‘, Bands wie ‚Slime‘ und Stimmen wie die von Veronika Fischer und Eric Burdon in einer Woche erleben? Und als Jazz-Highlight die Band von Alphonse Mouzon …“

 

„Wie der Jazz in die ‚Fabrik‘ einzog“ – so hat Thomas Engel die kleine Sammlung von Perspektiven und Einordnungen zur Geschichte auch das Jazz-Ortes „Fabrik“ überschrieben, die die Veröffentlichungen mit Jazz aus der „Fabrik“ begleiten wird. Zwar hatte das große Jazz-Orchester des NDR schon zu Beginn regelmäßig in der „Fabrik“ gespielt, aber „so richtig los“, erinnert sich Engel, „ging es mit modernem Jazz in der ‚Fabrik‘ eigentlich erst, als ihm das ‚Neue‘ gerade abhandenkam – etwa 1983/84. Da strich das jährlich im Herbst stattfindende Jazzfestival Hamburg das zweifelhafte Wort ‚new‘ aus dem Titel. Denn was war und ist schon ‚New Jazz‘, heute sowieso, aber auch damals schon? War Charlie Parker der Maßstab oder doch Peter Brötzmann, Frank Zappa, Willem Breukers Kollektief und die damals frei improvisierende Musik? Ein Haufen Verrückter in der ‚Fabrik‘ hat sich auch darüber Gedanken gemacht und erweiterte mit dem grenzenlosen Vielklang namens ‚Jazz‘ so manchen Horizont – ein Segen für die einen, ein weiteres Zeichen für Aufruhr und Verfall, meinten andere. Auf jeden Fall gegen den Strich - schließlich hatte sich Hamburg gerade erst die exklusive eigene Szene erschaffen – mit Schnoddrigkeit und Chic; und sehr zur Freude der ortsansässigen Plattenindustrie.“ Das „Onkel Pö“ übrigens gehörte eher zu dieser Szene …

 

Der Trompeter Freddie Hubbard hatte sich ja auch schon dort hören lassen; ein Konzertmitschnitt von 1979 erschien in der „Onkel Pö“-Reihe mit Aufnahmen aus dem NDR-Archiv. In der „Fabrik“ war er 1986 nun Gast im Trio von einem der bedeutendsten Pianisten des zeitgenössischen Jazz: von McCoy Tyner, dessen extrem wuchtiger Anschlag dem virtuosen Spiel stets perkussive Power der energischsten Sorte hinzufügte. McCoy Tyner ist im März 2020 gestorben, die Aufnahmen von 1986 (da ist er 58 Jahre alt) zeigen ihn auf der Höhe jenes unverwechselbaren Jazz-Ausdrucks, der ihn ausmachte. Sein Klavier und die enorme Strahlkraft der Trompete von Hubbard (vom gleichen Jahrgang 1938 wie Tyner, aber schon 2008 verstorben) sind die herausragenden Protagonisten, aber auch Bassist Avery Sharpe, Jahrgang 1954 und akustisch wie elektrisch bestens bewährt, sowie Louis Hayes, noch heute, mit weit über 80 Jahren, der unverwüstlichste aller modernen Schlagzeuger, veredeln die gleich auf zwei CD’s versammelten Titel dieses Konzertabends zum Glanzlicht der Epoche.

 

Das Konzert gehörte übrigens nicht zum Hamburger Jazzfestival – für solche Mitschnitte verbanden „Fabrik“ und NDR die gemeinsamen Interessen auch jenseits der großen Jazz-Meetings viele Male im Jazz-Jahr. Und das „grüne Wohnzimmer“, das auch mal eine Munitionsfabrik war, vibrierte im Sound der Jazz-Moderne jener Zeit.

Michael Laages

 

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