GIL EVANS ORCHESTRA

GilEvans Cover web

Album: Live At Fabrik, Hamburg 1986
Label: Jazzline
Vertrieb: Broken Silence
VÖ: 8. April 2022
Formate: 2CD • 3LP • Digital
 

Kaum jemals hat ein Gast aus den USA wohl derart gut und genau zur ursprünglichen Idee der „Fabrik“ in Hamburg-Altona gepasst wie der Komponist, Arrangeur und Band-Leader Gil Evans, der im Oktober 1986 zum Jazz-Festival nach Hamburg kam, knapp zwei Jahre vor seinem Tod. Mit den langen Haaren und dem Stirnband wirkt er von heute aus betrachtet wie ein Urahn der Hippie-Bewegung.

 

Sein Gil Evans Orchestra war ein All-Star-Ereignis von überbordender Meisterschaft mit Drummer Victor Lewis und der Perkussionistin Marilyn Mazur, Chris Hunter und Bill Evans an den Saxophonen, Pete Levin, Delmar Brown und ihm selbst an den Tasten und Gitarrist Hiram Bullock. Was sie miteinander spielen, viel von Jimi Hendrix vor allem, besitzt eine herausfordernde Unvorhersehbarkeit zwischen sehr freien Kollektiven und knapp hingeworfenen Themen. Am aufregendsten (neben den Hendrix-Motiven) ist wohl „There comes a time“ von Tony Williams geraten, versetzt gegen Ende mit „Birdland“ - Zitaten aus Joe Zawínul’s Klassiker.

Die wilde Herde und der Bauernhof

Kaum jemals hat ein Jazz-Gast aus den USA wohl derart gut und genau gepasst zur ursprünglichen Idee der „Fabrik“ in Hamburg-Altona wie der Komponist, Arrangeur und auratische Band-Leader Gil Evans, der zum Jazz-Festival nach Hamburg kam im Oktober 1986, knapp zwei Jahre, bevor er starb. Mit den langen Haaren und dem Stirnband wirkt er von heute aus betrachtet ja wie ein Urahn der Hippie-Bewegung vom Lande, wie einer der Geisterbeschwörer aus den Künstler-Kommunen, die das alternative Amerika der 70er und 80er Jahre so stark geprägt haben. Und hinter der „Fabrik“ gab es ja tatsächlich noch den Bauernhof, als Spiel- und Abenteuer-Platz für die Kinder im Viertel – Gil Evans sah aus, als wäre er auf diesem Hof zu Hause.

 

Tatsächlich hatte ja der gebürtige Kanadier Evans, seit Mitte der 40er Jahre mit Arrangements für Claude Thornhill und später für Miles Davis zu erstem und lebenslang haltbarem Ruhm gelangt, im New Yorker „Sweet Basil“-Club auf Einladung des deutschstämmigen Mitbesitzers Horst Liepold so etwas wie eine Kommune gründen können: das „Monday Night Orchestra“, das sich jeweils zu Wochenbeginn traf, am eigentlich konzertfreien Tag. Viele der ursprünglichen Mitglieder der Band waren auch jetzt, im Oktober 1986, beim Festival-Gastspiel in Hamburg dabei: die Posaunisten Dave Bargeron und Dave Taylor, die Trompeter Lew Soloff, Shunzo Ono und Evans-Sohn Miles, Gitarrist Hiram Bullock und Bassist Mark Egan, auch Howard Johnson an Bariton-Saxophon und Tuba – er ließ sich in den 90er Jahren als Teil der NDR Bigband in Hamburg nieder, wurde dort trotz weltweiter Engagements heimisch und hat die lokale Szene unendlich kreativ befruchtet. Viele in Hamburg erzählen noch heute beseelt von der Zeit mit ihm; nicht nur in der NDR Bigband.

Aber im Oktober 1986 ist die Band insgesamt ein All-Star-Ereignis von überbordender Meisterschaft – Schlagzeuger Victor Lewis und die (damals gerade auch von Miles Davis eingeladene) Perkussionistin Marilyn Mazur, Chris Hunter und Bill Evans an den Saxophonen, Pete Levin, Delmar Brown und natürlich Gil Evans selber an den Tasten. Und was sie alle miteinander spielen, viel von Jimi Hendrix vor allem, besitzt eine herausfordernde Unvorhersehbarkeit zwischen sehr freien Kollektiven und knapp hingeworfenen Themen. Am aufregendsten (neben den Hendrix-Motiven) ist wohl „There comes a time“ von Tony Williams geraten, versetzt gegen Ende mit ein paar „Birdland“-Zitaten aus Jow Zawínuls Klassiker.

 

Wie das „Monday Night Orchestra“ war auch schon das Ensemble von Thad Jones und Mel Lewis quasi als Feierabend-Versammlung entstanden – nur dass sich nun die neuere, jüngere, für die Zeitgenossenschaft der avancierten Rock-Musik offenere Generation von Musikerinnen und Musikern seit 1983 bei Evans getroffen hatte; in diesem kulturell, gesellschaftlich und politisch so aufregenden und herausfordernden Jahrzehnt, an das sich auch Thomas Engel erinnert, Programm-Gestalter der „Fabrik“ in jener Zeit: „Gesellschaftliche Brüche, Nato-Doppelbeschluss, die Millionen-Demos der Friedensbewegung, Jugendunruhen der Null-Bock-Generation zwischen Konsum und Leistungsdruck; massive Wirtschafts- und Systemkritik, Anti-AKW und Hausbesetzungen - dieses Lebensgefühl sollte jetzt tatsächlich Konzerte mit Wolfgang Dauner, Max Roach oder Wayne Shorter zulassen? Passte das? Die ‚Fabrik‘-Macher bekannten sich zu einem eindeutigen ‚Ja‘.“ Auch mit Jazz, auch mit einem wie Gil Evans im Jazz-Festival des NDR, wurde das Haus ein „Seismograph für gesellschaftliche Veränderung“, ein „kultureller Inkubator wie kein zweiter Ort in der Stadt - keine Zeit für Stillstand.“

 

Auch die auf zwei CD’s und drei LPs verteilten Konzertstunden mit dem Orchester von Gil Evans kennen den Stillstand nicht. Selten ist mal Beifall zwischen den Titel zu hören; wie in einer langen musikalischen Trance driftete das Publikum damals mit der Musikerin und den Musikern durch das brodelnde Irgendwo (und Nirgendwo) der Arrangements. Nie drängt sich beim Hören heute, immerhin dreieinhalb Jahrzehnte später, der Eindruck auf, dass hier ein selbstverliebter Band-Leader eigene Visionen verwirklichen wollte – und doch tut Gil Evans genau das. 

 

Ein Universum entwirft er, in dem Stimmen gleichberechtigt agieren; manchmal in starken Kontrasten gegen-, aber eben immer auch miteinander, in allen Widersprüchen. Dieser Gil Evans, der aus der Partnerschaft mit Miles Davis nach den „Sketches of Spain“ 1961 auf- und ausbrechen konnte weit über diesen für alle Zeiten richtungweisenden Klassik hinaus, hat an nichts weniger als einer eigenen Sprache des Jazz gearbeitet, seiner jeweiligen Zeit stets erstaunlich weit voraus. Am 26. Oktober 1986, als Teil der 11. Ausgabe des Hamburger Jazzfestivals in der „Fabrik“, damals 74 Jahre alt und den Bauernhof der „Fabrik“ im Rücken, hat dieser außergewöhnliche Künstler in dieser neuen, zukunftstüchtigen Sprache gesprochen; und mit ihm dieses einzigartige Ensemble, diese wilde Herde des neuen Jazz. Was für ein Glücksfall, dass die Mikrophone eines öffentlich-rechtlichen deutschen Radio-Senders dieses Ereignis aufgezeichnet haben – an diesem Ort, zu dem der Erneuerer Evans so überaus gut passte.

Michael Laages

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