BOB MINTZER & WDR BIG BAND

Bob Mintzer cover web

Album: Soundscapes
Label: Jazzline
Vertrieb: Broken Silence
VÖ: 7. Mai 2021
 

Bob Mintzer hat den Dreh heraus. Ob er diesen nun während seiner kurzen Zusammenarbeit mit dem Thad Jones-Mel Lewis Orchester, seinen zwei Jahren mit der Buddy Rich Big Band oder seiner Zeit mit der Word of Mouth Big Band von Jaco Pastorius entwickelt hat, ist unklar. Sicher ist aber, dass der große Tenorsaxophonist seinen Instinkt für Orchestration und Kontrapunkt während der 70er und 80er Jahre immer weiter perfektioniert hat. Erstmals versuchte er sich 1983 als Leiter eines großen Ensembles, als er mit seiner Big Band im populären New Yorker Nachtclub der Brecker Brothers, dem Seventh Anvenue South, auftrat. Später gab Mintzer seinem Können als Arrangeur für Big Bands während einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem DMP Label den letzten Schliff. Dieses Label hat zwischen 1985 und 2003 insgesamt elf gefeierte Ensemble-Aufnahmen vorgelegt, von Incredible Journey bis  zu Gently. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass das Arrangieren und Schreiben für Big Bands bereits in seine DNS übergegangen war, als er 2016 zum Chefdirigenten der WDR Big Band in Köln berufen wurde. 

 

Neben seinen Projekten mit Big Bands ist Mintzer seit 1990 auch Mitglied der Yellowjackets, einem elektroakustischen Jazzensemble. Im vergangenen Jahr trafen diese beiden Welten in einer Kooperation zwischen den Yellowjackets und der WDR Big Band aufeinander, wobei neue Arrangements von Mintzer ins Zentrum gestellt wurden. Mit Soundscapes meldet sich der Maestro als Leiter der WDR Big Band nun mit zehn neu arrangierten Stücken zurück. Darunter auch die anspruchsvolle Neuinterpretation einer Nummer, die er schon 1991einmal mit den Yellowjackets eingespielt hat.

Nachdem er einige Aufnahmen der WDR Big Band mit Gaststars geleitet hatte — 2018: Meeting of Minds mit den New York Voices, 2019: Live at Philharmonie Cologne mit Snarky Puppy Keyboarder Bill Laurence, 2020: Blue Soul mit dem Gitarristen Dave Stryker — war Mintzer bereit, gemeinsam mit diesem Weltklasseensemble sein eigenes Material zu präsentieren. „Beim WDR gibt es ja die Tradition, dass der Chefdirigent irgendwann während seiner Amtszeit ein Projekt aus eigener Feder umsetzt,” erklärt er. „Also habe ich einige der Dinge, die ich im Lauf der letzten fünf Jahre für die Band geschrieben habe, sowie eine Reihe ganz neuer Nummern für diese Aufnahme zusammengesucht.“

 

Soundscapes, ein Amalgam von Stimmungen, Grooves und komplexen Strukturen, zeigt nicht nur Mintzers Arbeiten für dieses allgemein anerkannte Ensemble, sondern er leistet doppelte Arbeit. Ist er doch auch als Hauptsolist am Tenorsaxophon und dem Electronic Wind Instrument (EWI) zu erleben, während er andere herausragende Solisten ins Scheinwerferlicht stellt – etwa die langjährigen WDR Mitglieder Paul Heller am Tenorsaxophon, Karolina Strassmayer und Johan Hörlén am Altsaxophon, Ruud Breuls und Andy Haderer an der Trompete und Andy Hunter an der Posaune. Das im Dezember 2019 aufgenommene Album gehört sicherlich zu den allerbesten in Mintzers langer Karriere. 

 

„Ich war nie ganz offiziell der Schüler von irgendwem,“ so der Komponist, Arrangeur und Dirigent. „Aber ich hatte die Chance für Buddy Richs Band zu schreiben und der Rest hat sich dann einfach entwickelt. Ich glaube, dass man Musik nur wirklich studieren kann, wenn man viele Dinge ausprobiert, dabei kleine Ideenstückchen aus der Musik übernimmt, der wir in unserem Leben begegnen und diese zu etwas Neuem überarbeitet.“

 

Mintzers Begeisterung für den Kontrapunkt ist auf Soundscapes durchgehend spürbar. „Ich liebe den Kontrapunkt. In der Schule habe ich klassische Klarinette gelernt und war nebenbei noch in einem Trio, das sich mit der Musik des 12., 13. und 14. Jahrhunderts beschäftigte. Das alles hat sozusagen einen indirekten Einfluss auf meine Kompositionen, während Musiker wir Thad Jones, Mel Lewis, Count Basie und all der Jazz den ich gehört habe, einen direkten Einfluss ausüben. Alle diese unterschiedlichen Elemente wurden gewissermaßen in meinen Computer eingespeist und ich greife darauf  - meistens natürlich nur unterbewusst - zurück, wenn ich komponiere.“

 

„A Reprieve“, eine brandneue Komposition Mintzers, eröffnet den Reigen. Dieser geschmeidige Groover lässt einen an die Black Market-Ära von Weather Report denken. Darin erleben wir den Leader am EWI, das er auf die Manier von Zawinul bearbeitet, während die Hörner Kontrapunkte über den dahinfließenden Groove legen. „Ich habe mir vorgenommen, das EWI irgendwie in die Bläserabteilung einer Big Band zu integrieren,“ erklärt er.  „Diese Nummer hat eine durchgehende ostinato Basslinie. Das ist übrigens eine andere Sache, die ich wirklich gerne verwende – diese Art des verbindenden Drahtes, der sich durch den Groove zieht und sich immer wiederholt, während andere Elemente darauf aufbauen.“ Paul Heller bringt mit seinem kräftigen Tenorsolo das Energieniveau zum Explodieren, während die Hörner sich hinter ihm mit dramatisch gesetzten Interpunktionen zu Wort melden. 

 

Eine andere brandneue Mintzer-Komposition ist „The Conversation“. Der Titel ist gut gewählt und beschreibt das lebhafte call-and-response Spiel zwischen den dynamischen Hörnern und dem Gastperkussionisten Marcio Doctor. Mintzer ist in dieser Nummer am Tenorsaxophon zu erleben, während Billy Test ein wohlüberlegtes Pianosolo beiträgt, das sich Schritt für Schritt in ungeahnte Höhen schraubt. „Es ist eine Kombination aus Afro-Cuban, Funk und afrikanischen Rhythmen,“ so der Komponist. „Es gefällt mir, manchmal die klaren Linien etwas zu verwischen. Eine der entscheidenden Komponenten dieses Stücks ist sicher auch die Arbeit von Marcio Doctor an den Perkussionsinstrumenten. Er trägt damit eine ganz spezielle Note zum Groove bei.“ Schließlich segelt noch Andy Hunter mit einem gelungenen Posaunensolo über dieses polyrhythmische Schlachtfeld. 

 

Der straight-up Swinger „Stay Up“ könnte direkt aus dem Buddy Rich Bandrepertoire stammen. Dazu erklärt Mintzer, „Es ist ein sehr schnelles Stück, aber ich habe gerne auch einigen Kontrast in den swingenden Nummern. Es sollte nicht nur die ganze Zeit ein 4/4-Burner sein, sondern eine große Vielfalt herrschen, was Klang und Atmosphäre angeht. Daher gibt es über das gesamte Stück verstreut immer wieder Brüche und Wechsel zwischen Ruhe und Anspannung.“ Der Leader liefert ein wildes Tenorsolo ab, das sich über Stefan Reys eindringlich vorwärtsstrebende Basslinie und Hans Dekkers ansteckend direktes Spiel am Ride-Becken legt. Johan Hörlen ist in dieser Nummer mit einem überragenden Alt-Solo zu hören und verleiht der ganzen Mischung dadurch ordentlich Pfeffer. 

 

In “Montuno,” benannt nach dem durchdringenden und beinahe hypnotischen Groove, der den Kern der kubanischen Rumba ausmacht, erkennt man, dass Mintzer auch Einflüsse der Latin Jazz Szene von New York City absorbiert hat. „Ich war 1974 für ein Jahr Mitglied in der Band von Tito Puente und habe davor und danach viel in Salsa Bands überall in New York gespielt,“ erzählt er. „Und dann, in den Jahren 1981 und 1982, habe ich mit Eddie Palmieris Band zusammengearbeitet. Ich habe in der Zeit abertausende Montunos gespielt.“ Der Hauptsolist dieser siegestrunkenen und wogenden Nummer ist die Altsaxophon-Großmeisterin Strassmayer, während Mintzer das EWI zum Klingen bringt. 

 

Das mysteriöse, langsam groovende „Whack“ war laut Mintzers Angaben ein großes Experiment. „Ich habe versucht jede Form der Gewohnheitsmäßigkeit oder üblichen Vorgehensweise zu verdecken und habe einfach blind drauf los Noten auf eine bestehende Musik hingeworfen. Diese haben sich in kleinen Grüppchen über den Slow Funk Beat gelegt. Vielleicht könnte man das ganze ‚atonalen Funk‘ nennen, weil wirklich eine an die 12-Ton Musik erinnernde Melodie entstanden ist, die vor allem aus Holzblasinstrumenten und gedämpften Blechbläser gebildet wird. Ich wollte einfach etwas total anderes machen.“ Paul Heller liefert in dieser Nummer ein heldenhaftes Solo am Tenorsaxophon ab und der Leader ist wiederum am EWI zu erleben. 

 

Das rhythmisch aufgeladene und lateinamerikanisch eingefärbte „Canyon Winds“ ist ein frühes Stück Mintzers, mit dem er die Stimmung seines damaligen Lebens in Kalifornien eingefangen hat. „Wir haben in einem der Canyons von Los Angeles gewohnt und es war wirklich herrlich, wenn der Wind durch unseren Canyon zu wogen begann und die Bäume zitterten und wankten. Die Kraft der vorwärtsdrängenden Bewegung hat irgendwie diese Musik aus mir herausgelockt.“ Billy Test meldet sich in diesem Stück mit einem weiteren brillanten Pianosolo zurück, während Andy Haderer mit seinem heiteren Trompetensolo die Stimmung hebt. 

 

„Herky Jerky“ ist der ideale Titel für dieses swingende Stück, durchdrungen von jener Stop-Start Vorwärtsbewegung, die Mintzer so gerne hat. „Die Vorlage für diese Nummer war ‚I Got Rhythm,‘“ gesteht er. „Aber meine Überlegung war es, wieder eine Stop-Start Melodie mit spezieller Brücke daraus zu machen.“ John Hörlén liefert in der ersten Hälfte ein heißes Alt-Solo ab und Ruud Breuls folgt mit einem wild swingenden Trompetensolo in der zweiten Hälfte des Stücks. 

 

„New Look,“ die einzige Ballade auf Soundscapes, ist ein neues Stück von Mintzer, in dem er mit einigen seiner expressivsten und fasziniersensten Tenor-Töne gegen die opulent und in warm daherkommende Begleitung aus Holzblasinstrumenten und Flügelhörnern anspielt. „Ich mag den Lyrismus und liebe es, mit einem schönen Sound zu spielen und dazwischen viel freien Raum zu lassen,“ sagt der Leader über dieses Stück, dass sich so elegant aufbaut als wäre es ein romantischer Bolero. „Es gibt Scharen von Leuten, die mit vielen Noten und mit großer Eindringlichkeit arbeiten. Ich fühle mich nicht wirklich als Teil dieser Gruppe. Ich mache das, wenn ich es für angemessen halte, aber viel lieber belasse ich freie Flächen und lade dann die Leute mit denen ich spiele ein, diesen Raum für ihre Kreativität zu nutzen. Ich verspüre nicht die Notwendigkeit alles anzufüllen. Ein langsames und getragenes Stück wie dieses ist ideal um auf diese Art und Weise zu spielen.“

 

Das swingende „One Musik“ ist die Adaption für Big Band einer Komposition, die Mintzer gemeinsam mit den Yellowjackets als Titelnummer ihres 1991er DMP Albums aufgenommen hat. „Ich bin 1990 zu den Yellowjackets gestoßen und hatte zuvor schon vier oder fünf Big Band Aufnahmen mit DMP gemacht,“ erinnert er sich. „Wir beschlossen also, dass das nächste Projekt die Aufnahme einer kleinen Gruppe werden sollte und ursprünglich habe ich geplant, dafür (Schlagzeuger) John Riley, (Bassist) Jay Anderson und (Pianist) Phil Markowitz anzurufen; die Jungs also, mit denen ich zu dieser Zeit in New York viel gemeinsam gemacht habe.  Aber dann dachte ich mir ‚Ich war mit den Yellowjackets so lange auf Tournee und wir haben eine wirklich gute Arbeitsbeziehung aufgebaut, also könnte ich genauso gut sie anrufen.‘“ Mintzer spielt hier ein keckes Tenorsolo während Billy Test sich mit einem hitverdächtigen Pianosolo zu Wort meldet, in dem er die Geister von McCoy Tyner und Herbie Hancock heraufbeschwört. 

 

Den bewegenden Abschluss bildet „VM,“ Mintzers Hommage an seinen Komponisten-, Arrangeur- und Dirigentenkollegen Vince Mendoza. Der Chefdirigenten des Metropole Orkest hat auch drei Projekte mit der WDR Big Band verwirklicht — Some Skunk Funk mit Randy und Michael Brecker (2005), Brown Street mit Joe Zawinul (2006) und Soleando mit Chano Dominguez (2015). Die beschwingte, mittelschnelle Swingnummer erinnert entfernt an Mendozas Kompositionsstil und an Mintzers eigenen Klassiker, „Mr. Fonebone,“ den er 1983 auf Papa Lips, 1986 auf Camouflage und 2010 auf Canyon Cove veröffentlicht hat. „Normalerweise nehme ich eine Idee, verschleiere und bearbeite sie,“ erklärt er. „Aber in diesem Fall klingt ein Teil der Melodie wirklich so, als wäre es eine Nummer von Vince. Man könnte also sagen: Vince meets Mr. Fonbone.“ 

 

Dieser mitreißende Closer wird von herausragenden Soli von Altistin Strassmayer und Trompeter Breuls bereichert. Ein wahrhaft krönender Abschluss für dieses grandiose Projekt von Maestro Mintzer und seiner Spitzencrew aus Köln.  —   Bill Milkowski

 

Bill Milkowski schreibt regelmäßig für die Magazine Downbeat, Jazziz und Absolute Sound. Er ist zudem der Autor von „JACO: The Extraordinary and Tragic Life of Jaco Pastorius,” sowie der Biografie “Ode to a Tenor Titan: The Life and Times and Music of Michael Brecker”, die im Oktober 2021 zur Veröffentlichung ansteht. 

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