WOODY SHAW QUINTET

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Album: At Onkel Pö's Carnegie Hall 1979, Vol.1
Label: Jazzline
Vertrieb: Good To Go
VÖ: 1. November 2019
 

Und dies ist die nächste mitreißende Erinnerung an einen Musiker, den die Jazz-Welt nicht vergessen darf – obwohl er schon 1989 gestorben ist, gerade mal 44 Jahre alt. Nach der Veröffentlichung des Konzertes, das das Quintett des Trompeters Woody Shaw 1982 gab in „Onkel Pö’s Carnegie Hall“ in Hamburg, wird für diese CD hier die Uhr nun um drei Jahre zurück gedreht. Und auf der Nudelbrettbühne am Lehmweg in Eppendorf agiert 1979 auch eine fast vollständig andere Band – die, mit der Shaw den ersten richtig großen Erfolg unter eigenem Namen feiern konnte. 1978, im Jahr zuvor, war „Moondance“, die LP-Produktion der Band, von den „Downbeat“-Lesern zum Album des Jahres gekürt worden – und mit den auf diese Weise ausgezeichneten Kollegen ging Shaw auf Reisen. Um aber auch danach in Bewegung zu bleiben: vom Quintett, das im Juli 1979 nach Hamburg kam, blieb drei Jahre danach nur der Bassist Stafford James übrig.

Am Schlagzeug sitzt in dieser Aufnahme einer der über Jahrzehnte (und noch immer) prägenden Persönlichkeiten des modernen Mainstream; und es ist ziemlich schwer zu sagen, wessen Band in der allerersten Liga des Jazz Victor Lews nicht bereichert hat, schon vor und erst recht nach Shaw. Tony Reedus ersetzte Lewis drei Jahre danach in Hamburg; und Lewis garantierte von nun an 100 Prozent Rhythmuspräzision zum Beispiel auch für die Band um Stan Getz. Seit langem ist er danach zum verlässlichen Partner von Kenny Barron geworden, dem Feingeist am Flügel. Barron, Jahrgang 1943, Shaw, im Jahr darauf geboren, Lewis, vom Jahrgang 1950 – in Musikern wie diesen lebt noch immer der Geist dieser Epoche. Während rechts und links von ihnen seit Beginn der 70er Jahre die Grenzgängereien hin zur Rockmusik die Mode dominierten und jenseits davon auch die Konsequenzen des radikalen Aufbruchs in die komplett frei improvisierte Musik der 60er Jahre eindrucksvolle Meilensteine markierten, suchten Virtuosen wie Shaw, Barron und Lewis nach der neuen Definition vom swingenden Kern dieser Musik, nach der Überlebenskraft der Traditionen.

Einer wie Barron war auch der New Yorker Kollege Onaje Allan Gumbs; er gehört zur Besetzung des Sommers 1979 und wird 1982 von Mulgrew Miller ersetzt werden. Gumbs, ebenfalls in New York heran gewachsen, entwickelt mit den Jahren eine deutlich spürbare Vorliebe für die afrikanischen Ursprünge des Jazz. Und der Saxophonist Carter Jefferson, einer aus der nie endenden Reihe der Schüler des unvergleichlichen Band-Leaders Art Blakey, bleibt über lange Zeit eine der gefragten Stimmen auf diesem Instrument; aber schon 1993 ist er gestorben, auf Reisen im polnischen Krakau. Deutlich wird immer, wie intensiv sich Band-Leader Shaw nach Kommunikation sehnt, nach Gemeinschaft, nach den Antworten, den Echos, die er von den Partnern erhält – auf Jefferson folgt ja drei Jahre später mit dem Posaunisten Steve Turre einer, der in solcher Art von musikalischem Gespräch mit dem Gegenüber die eigene Meisterschaft zu entwickeln beginnt.

Beide Konzert-Mitschnitte, die von 1982 und jetzt der frühere, präsentieren den Trompeter Shaw im Zenith der musikalischen Entwicklung; und vielleicht ist das hier und jetzt, in der früheren Aufnahme, sogar noch etwas deutlicher zu spüren. Wie die Trompete hier  flirrt und flimmert und immer neue Girlanden zieht noch durch’s vertrauteste Material: das ist furios, filigran und virtuos, voll vom Bewusstsein für Tradition und Moderne. Und mittendrin agirt einer, der in aller Meisterschaft stets bescheiden blieb, freundlich, zugewandt. Musiker und Menschen wie Woody Shaw werden mehr denn je vermisst in diesem Business, das gemeinhin ja Menschen mit ganz viel Ego und Hybris auszeichnet; und Menschlichkeit ja eher nicht. Woody is missing!

Shaws Drama wurde schon oft erzählt: Heiligabend 1944 in Laurinburg (North Carolina) als Sohn eines Gospelsängers geboren, der ihm ursprünglich den eigenen Namen Woody Brown weiter reichte, reiht sich der Trompeter bald schon ein in die Liste der Meister - mit technischer Brillanz (wie das Vorbild Freddie Hubbard) und zupackender Attacke in der Tongebung. Shaw ist extrem schnell, wenn er will, und verliert dabei nie die Klarheit der musikalischen Sprache. Zugleich klingt immer alles wie zum ersten Mal erzählt – Kollege Randy Brecker sah Shaw als „letzten in einer Reihe von Trompetern, die wirklich etwas Neues in den Trompeten-Jazz eingebracht haben“. Auch das muss Woody Shaw gewesen sein: ein „musician’s musician“, hoch geschätzt zuallererst von den Kolleginnen und Kollegen, die sich freuten, mit ihm spielen zu können.

Als er 20 ist, 1964, lädt ihn Eric Dolphy kurz vor dem Tod noch nach Paris ein. Ein Jahr bleibt er dort, lernt Bud Powell, Johnny Griffín oder Kenny Clarke kennen – eine prägende Zeit. Weiter geht’s an der Seite von Horace Silver, McCoy Tyner und Max Roach, Art Blakey und Gil Evans. Zu Gast war Shaw in der „Concert Jazz Band“ von George Gruntz. Europa rückt ins Zentrum, und immer wieder Paris – Mitte der 80er Jahre formierte sich auch um Shaw eine „Paris Reunion Band“.

Und dann der Schock … Woody Shaw ist gezeichnet von fatalen Krankheiten, verliert langsam, aber beständig das Augenlicht, und in diesem Zustand stürzt er vor eine U-Bahn in New York. Er verliert einen Arm. Wenige Wochen später versagen die Nieren. Woody Shaw stirbt am 10. Mai 1989. Den 45. Geburtstag hat er schon nicht mehr erlebt.

Michael Laages 

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