RANDY BRECKER & ADA ROVATTI

Brecker Rovatti cover web

Album: Brecker Plays Rovatti - Sacred Bond
Label: Jazzline
Vertrieb: Good To Go
VÖ: 25. Oktober 2019
 

Ein Sprichwort besagt: ‚Eine Familie die zusammen musiziert, bleibt auch zusammen‘. Dieses alte Diktum wird im Fall von Brecker Plays Rovatti: Sacred Bond bestätigt. An diesem Projekt wirken nicht nur die Randy Brecker, seines Zeichens Grammy-Preisträger, Trompeter und Fusion-Pionier und seine Frau, die Saxophonistin und Komponistin Ada Rovatti mit, sondern auch Stella, die zehnjährige Tochter der beiden, die mit einem Cameo-Auftritt in einem der Stücke vertreten ist. Unterstützt von einer Band, deren Kern aus dem Pianisten David Kikoski, dem Bassisten Alex Claffy und dem Schlagzeuger Rodney Holmes besteht und mit Gastmusikern, wie dem Keyboarder Jim Beard, dem Gitarristen Adam Rogers oder dem brasilianischen Perkussionisten Cafe, gelingt es dem Ehepaar, über die zehn – allesamt von Rovatti komponierten - Nummern des Albums, für eine ausgesprochen gute Stimmung zu sorgen.

Brecker Plays Rovatti: Sacred Bond ist ein überzeugender Beleg für Rovattis umfassendes musikalisches Talent und Breckers unnachahmlich gekonntes Trompetenspiel. Die Aufnahme verdeutlicht auch die außergewöhnliche Entwicklung der Künstlerin und Komponistin seit Under the Hat, ihrem Debut als Leader im Jahr 2003. „Sie hat dieses Projekt sehr ernst genommen und damit auch ein völlig neues Level in ihrer kompositorischen Arbeit erreicht,“ so Brecker über seine Frau, deren Veröffentlichungen auch  Airbop (2006), Green Factor (2009) und Disguise (2014) umfassen. „Ganz abgesehen davon, dass ich ihr Ehemann bin, sind die Nummern einfach wunderbar anzuhören. Alles passt perfekt zusammen, aber glauben sie mir, die Stücke sind keineswegs einfach zu spielen. Ada musste mir hier und da Tricks zeigen, um die Melodien gut hinzubekommen.“

In den Liner Notes hat Brecker über seine saxophonspielenden Frau voller Stolz das Folgende zu sagen: „Ich habe ihren Werdegang, sowohl als Musikerin als auch als Arrangeurin/Komponistin, fasziniert mitverfolgt. Ganz nebenbei ist sie auch noch die beste Ehefrau und Mutter auf der ganzen Welt, eine italienische Meisterköchin mit über 160 Kochbüchern, eine Meisterschneiderin und Designerin, Innendekorateurin, Fotografin, Handwerkerin, Web-Designerin, Albumcover-Grafikerin, Aufnahmestudioeigentümerin und ganz allgemein, die Chefin unserer Familie. Sie müssen nur eine der Freundinnen unserer Tochter Stella fragen, wo sie gerne sein möchten, wenn sie nicht bei sich selbst zuhause sind: auf dem Boden unseres Wohnzimmers und Dinge zusammenbasteln, die Ada erdacht hat...sie ist eine wahre Renaissance-Frau.“

Zum Titel ihres jüngsten gemeinsamen Projekts (die beiden sind auch zusammen auf Breckers Alben 34th & Lex (2003), The Brecker Brothers Band Reunion (2013) und mit der NDR Big Band-The Hamburg Jazz Orchestra auf Rocks (2019) zu erleben) erklärt Brecker, dass damit die bedingungslose Liebe thematisiert wird, wie sie zwischen einer Mutter und ihrer Tochter besteht. „Näher als die beiden einander sind, kann man gar nicht sein,“ erzählt er über Ada und Stella. „Wir drei haben eine wunderbare Basis. Es war einfach nur schön, die beiden in der Titelnummer gemeinsam singen zu hören, das war ziemlich cool.“ Rovatti ergänzt: „Zwischen uns dreien besteht ein geradezu heiliges Band.“

Brecker und Rovatti haben sich 1996 kennengelernt. Der Trompeter war damals Gastmusiker in jener Big Band, in der Rovatti das Altsaxophon spielte. Er erinnert sich in den Liner Notes zu Brecker Plays Rovatti: Sacred Bond: „Nachdem wir Telefonnummern ausgetauscht hatten (ich habe ihr heimlich meine Karte zugesteckt, aber sie hat danach gefragt!) und vielen Briefen (E-Mail gab es noch nicht!), hat sich eine Fernbeziehung entwickelt. Ada hat dann noch ein Jahr lang mit der großen französischen Sängerin Anne Ducros in Paris zusammengearbeitet und ist schließlich nach NYC übersiedelt. So konnten wir uns endlich regelmäßig sehen und haben im Dezember 2001 geheiratet.“

Obwohl Rovatti mit ihrem wagemutigen Saxophonspiel schon in der Vergangenheit einen starken Eindruck hinterlassen hat, fühlte sie sich dennoch etwas überwältigt davon, den Platz des verstorbenen Tenor-Titanen Michael Brecker in der ersten Reihe - Seite an Seite mit Randy - in der Brecker Brothers Reunion Band, einzunehmen. „Wie man sich vorstellen kann, war ich in einer schwierigen Situation,“ sagt sie. „Mit Randy verheiratet zu sein und einen so außergewöhnlichen Bruder wie Mike in der Familie zu haben, der noch dazu dasselbe Instrument wie ich spielte, hat mir immer das Gefühl gegeben, das schwächste Glied in der Kette zu sein. Randy und Mike…die beiden sind spieltechnisch einfach auf einem völlig anderen Niveau.“

Nichts desto trotz leistet sie – geleitet von Überzeugung und Anmut -  an Tenor- und Sopransaxophon in den 10 Nummern, die auf Brecker Plays Rovatti: Sacred Bond versammelt sind, eine hervorragende Arbeit. Ihre gelungenen und technisch perfekt ausgearbeiteten Kompositionen sprechen für sich selbst. „Ich versuche jeden Tag so viel Zeit wie möglich darauf zu verwenden, einige Ideen am Keyboard zu entwickeln,“ so Ada. „Aber es gibt Tage, an denen ich mich auf das Komponieren konzentriere und andere, wo das die Übung am Instrument im Vordergrund steht. Auf diese Weise erreiche ich für mich eine gute Balance.“

Am Beginn der Sammlung steht  das optimistisch-fröhliche Stück „Sacred Bond,“ in dem Mutter und Tochter gemeinsam mit melodischem aber wortlosem Gesang an der Seite von Trompete, Tenorsaxophon, Kikoskis Comping am E-Piano, Claffys funkiger Baseline und Holmes beharrlichem Backbeat zu erleben sind. Rovatti spielt als erste ein Solo, worin sie ihren starken Sound, natürliches Rhythmusgefühl, eine bemerkenswerten Fähigkeiten beim Aufbau doppelter Flurries und ein prachtvolles Crescendo unter Beweis stellt. Brecker folgt mit einem, für ihn typischen,  hellen und ausgesprochen melodischen Trompetensolo – von einer Art, wie er sie seit 50 Jahren, beginnend mit seinem eigenen Debut als Leader in 1969 mit Score, auf Aufnahmen festhält. Nach ihm übernehmen wieder Mutter und Tochter und singen zusammen den melodiösen Refrain.

Rovattis Nähe zur brasilianischen Musik wird in dieser Aufnahme durch zwei Nummern deutlich. Zum einen, durch die wogenden Sambaklänge von „Helping Hands,“ worin ein ausgesprochen anmutiger Brecker ein Solo am Flügelhorn abliefert, Rovatti ein lebhaftes Tenorsolo und Claffy ein außergewöhnliches Bass-Solo beitragen. Und zum anderen, durch das leicht groovige „Other Side o the Coin,“ mit Solos der beiden Ehepartner, einem melodischen E-Bass Solo von Claffy und einigen verspielten Cucia-Momenten von Cafe. „Als Italienerin (Ada wurde in der kleinen norditalienischen Stadt Pavia, 35km südlich von Mailand gelegen, geboren) weist meine Muttersprache viele locker vor sich hinplätschernde Phrasen und Wörter auf, ganz ähnlich, wie sie auch für das Portugiesischen typisch sind und in dieser Sprache richtiggehend als mächtige Wortwellen auftreten. Ich glaube auch, dass es deutliche Ähnlichkeiten zwischen der brasilianischen und der italienischen Musik gibt. Es ist komisch, obwohl ich eigentlich gar nicht so viel brasilianischen Jazz höre, scheine ich diese Musik doch irgendwie in mir zu tragen. Davon abgesehen ist Randys Art, nach brasilianischem Rhythmus zu spielen, einfach phantastisch. Er ist tief mit dieser empfindsamen Musik verbunden.“

In der passend mit „Reverence“ (Reverence ist ja die ultimative Ausprägung von „R-E-S-P-E-C-T“) betitelten Würdigung der Queen of Soul, Aretha Franklin, schaltet Rovatti einen Gang höher. Der Gitarrist Adam Rogers liefert darin ein geradezu brennend scharfes Spiel auf sechs Saiten ab, während Jim Beard Akzente an der Kirchenorgel setzt und Randy – gemeinsam mit Ada – elegant durch diese von Soul- und Gospelmusik beeinflussten Nummer stolziert, wie es schon für die Brecker-Brothers typisch gewesen ist. Über die speziellen Beziehung zu ihrem Ehemann auf der Bühne erklärt Ada: „Der eigene Sound und die Art der Phrasierung ist für gewöhnlich auf die Person abgestimmt, mit der man am meisten gemeinsam spielt. Für mich ist diese Person Randy. Als Randy dann damit begonnen hat, an der Brecker Brothers Band Reunion zu arbeiten, hatte er durch die gemeinsame Arbeit genug Vertrauen aufgebaut, um mich einzuladen, bei dem Projekt mitzumachen. Natürlich kann niemand Mike ersetzen, aber Randy war auf der Suche nach jemandem mit eigenen Stimme und mit einer engen Verbindung zu sich selbst. Ich hoffe, dass ich etwas von diesem speziellen Band, das Randy mit Mike hatte, zur Gruppe beitragen kann.“

Über ihren tiefempfundenen Tribut an Aretha sagt die Komponistin: „Ich erinnere mich noch daran, wie ich kurz nach Abschluss der Sekundarschule begonnen habe Saxophon zu spielen und wenig später bei einem Gig auftrat, wo die Sängerin unbedingt „Think“, den Hit von Aretha spielen wollte. Mehr als 20 Jahre später hatte ich die Chance, gemeinsam mit Aretha Franklin im Kennedy Center in Washington D.C. auf der Bühne zu stehen. Für mich war das einer der Höhepunkte meines bisherigen Lebens - mit der leibhaftigen Aretha auf einer der renommiertesten Bühnen der Vereinigten Staaten zu stehen. Ich musste dabei auch wieder daran zurückdenken, wie ich damals als junge Frau in einer italienischen Kleinstadt ein neues Instrument zu spielen begann, gemeinsam mit einer lokalen Sängerin aufgetreten bin und davon geträumt habe, einmal mit der echten Queen of Soul Musik zu machen. In dem Moment, als ich schlussendlich mit Aretha auf der Bühne gestanden bin, habe ich mir in Gedanken auf die Schulter geklopft und zu mir gesagt - OK, du hast es geschafft!“

Holmes sanftes Brushwork gibt am Beginn von „Baggage“ den Ton an. Es ist dies eine schon etwas älteren Komposition Rovattis, mit der sie vor einigen Jahren einen Wettbewerb in Italien gewonnen hat. Trompete und Tenorsaxophon verbinden sich in diese Stück in einer herzlichen Umarmung bevor Ada etwas später ihr wohl eindrucksvollstes Solo abliefert (und dabei sogar noch ganz nebenbei ein kurzes Zitat aus John Coltranes A Love Supreme einflicht). Darauf folgt ein abenteuerliches Solo von Brecker und Kikoski lässt sich in dieser breit angelegten Nummer von McCoy Tyner inspirieren.

Während Ada der Queen of Soul, Aretha Franklin, die ihr gebührende Ehre bezeigt, wird auch noch eine andere Königin auf dieser Sammlung gefeiert; „The Queen of Bibelot“. Diese Königin ist niemand anders als Rovatti selbst. Die Lexikondefinition von ‚Bibelot‘ als ‚kleine Zierstücke oder wertloser Tand‘ anerkennend, gesteht sie, eine unübersehbare Menge dieser kleinen Spielereien zu sammeln. „Ich bin ganz sicher die Königin von diesem Zeug,“ lacht sie. „Ich liebe es, auf der Suche nach ungewöhnlichen Dingen in Second-Hand-Läden zu stöbern. Genau genommen schaue ich mir gerade eine dieser Sachen an; es ist ein hockendes Zebra aus Holz, das ich urkomisch finde. Ich habe viele von diesen kleinen Dingen, die vielen Menschen gar nichts bedeuten. Mir aber sind sie wichtig und ich weiß von jedem, wo ich es gefunden und warum ich es gekauft habe. Ganz ähnlich geht es mir mit Musik. Ich wertschätze Dinge, die andere Menschen oft einfach übersehen und entdecke ihre innere Schönheit.“ „The Queen of Bibelot“, die am stärksten vom Lone-Bop   beeinflusste Nummer der Sammlung, wird von Holmes unablässigem Swing angetrieben und bietet tolle Solos von Kikoski, Rovatti und Brecker.

Das klug mit „Britches Brew“ betitelte Stück verweist auf die elektronische Phase von Miles Davis, im Gefolge seiner bahnbrechenden Aufnahme Bitches Brew aus 1970. In dieser, stark an die 70er Jahre erinnernden Nummer, rufen die - von den beiden Keyboardern Beard und Kikowski ausgehenden - musikalischen Geplänkel die Erinnerung an Keith Jarrett und Chick Core wach, die in Miles Tournee-Band Bitches Brew zu erleben waren. Kikoski und Beard liefern in dieser Nummer hitverdächtige Solos ab, während Randy und Ada mit schnellem Wechselspiel folgen, bevor Rogers den Reigen mit einem seiner charakteristischen legato Gitarrensolos abschließt. Holmes und Cafe setzen noch ein Ausrufzeichen am Schlagzeug bevor die gesamte Band das Stück mit einem gemeinschaftlichen und genau eingepassten Kontrapunkt beendet.

In „Brainwashed“, einer optimistischen Nummer mit einigen bedeutsamen Botschaften, wechselt Rovatti zum Sopransaxophon. „In diesem Song geht es um die politische Situation in unserem Land, wie sie sich heute darstellt,“ so die Komponistin. „In meiner Jugend habe ich mich nie wirklich für Politik interessiert. Aber jetzt, als U.S. Bürgerin und Mutter, die miterlebt, was der Präsident macht, bin ich sehr hellhörig für die aktuelle politische Lage geworden.  Man kann nicht nicht schockiert sein über das, was gerade los ist. Für mich war das ein Weckruf um mich aktiver einzubringen, nicht nur zu beobachten, sondern Widerstand zu leisten.“ Wenn man genau hinhört, kann man Verweise auf Harold Arlens „If I Only Had a Brain“ (aus dem Wizard of Oz) in Rovattis lebensfroher Melodie erkennen.

In „Mirror,” Adas Auseinandersetzung mit dem Älterwerden, erleben wir einigen der brillantesten musikalischen Konversationen zwischen den beiden Eheleuten, die auf diesem Album zu finden sind.  Rovatti spiegelt die einnehmende Melodie durch ihren wortlosen Gesang und Holmes steuert in der Mitte der Nummer ein überzeugendes Trommelsolo bei. Über ihre Inspiration zu diesem Stück sagt die Komponistin: „Es geht darum, dass ich in den Spiegel blicke und den Beginn des unaufhaltsamen Alterungsprozesses wahrnehme. Dabei denke ich auch an die Weisheit, die man über die Jahre gewinnt. Es ist eine Art von introspektiver Nabelschau nach dem Motto: OK, hier bin ich – nicht mehr ganz so jung, auch noch nicht alt, aber die Richtung des weiteren Weges ist schon eingeschlagen.“ Über ihre Gesangsbeiträge sagt sie: „Ich sollte nur unter der Dusche singen…oder nicht einmal dort. Aber ich glaube, dass der Gesang dem Stück eine hübsche Textur verleiht.“

Die eindringliche und in Moll ausgeführte Schlussnummer „Quietly Me“, ist ein bezauberndes Stück im 6/8 Takt, in dem sich Trompete und Tenorsaxophon am Anfang auf großartige Weise verbinden und gegen Ende in eine Art von Schattenspiel übergehen. „Randy gibt die Melodie vor und ich spiegle sie auf meine Art zu ihm zurück.“ So erklärt Ada das beinahe schon telepathisches Zusammenspiel der beiden. „Wir geben einander Antwort durch eine Form von verzögerter Phrasierung. Der eine folgt gewissermaßen kontrapunktisch dem anderen und dabei kommunizieren wir miteinander.“

Eine ganz ähnliche Chemie ist auch in allen anderen Stücken des atemberaubend schönen Albums Brecker Plays Rovatti: Sacred Bond der beiden Ehepartner spürbar. 

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