BILL EVANS

BillEvans cover web
Album: The East End
Label: Jazzline
Vertrieb: Good To Go
VÖ: 27. September 2019
 
feat. Etienne Mbappe, Wolfgang Haffner & WDR Big Band Cologne,

arranged and conducted by Michael Abene

Drangvolle Enge im Kölner Stadtgarten an diesem Abend Mitte Februar 2011. Ein ganz besonderes Konzert stand bevor – eines, dass es so nur selten zu erleben gab, und das das Publikum in Scharen nach Köln in den Stadtgarten zog. Der amerikanische Saxofonist Bill Evans gab ein Gastspiel mit der WDR Big Band. Das Publikum vor Ort, in Erwartung eines großartigen Live-Erlebnisses, ließ die Luft im Konzertsaal regelrecht flirren, die Temperatur im Raum ansteigen und die Atmosphäre aufheitzen. Evans liebt das seit jeher: Wenn sich die Zuhörer schon vor Konzertbeginn auf das zu erwartende Geschehen auf der Bühne fokussieren, wenn diese Konzentration auf die Musiker und ihn überschlägt, bringt ihn das erst auf Betriebstemperatur und spornt ihn beim Konzert zu Höchstleistungen auf dem Tenor- und Sopransaxofon an.

Doch bevor es zurückgeht zu diesem Februarabend 2011 in Köln, gibt es einen biografischen Exkurs. 1958 in Clarendon Hills, einem Vorort von Chicago, geboren und aufgewachsen, lernte Evans als Kind und Jugendlicher zuerst Klavier und Klarinette, bevor er zum Saxofon wechselte. In Chicago, dieser Metropole am Lake Michigan im Mittleren Westen der USA, sog er Jazz und Blues in sich auf und besuchte als Teenager Konzerte unter anderem mit Sonny Stitt oder Stan Getz. Schon damals stand für Evans sein Berufswunsch fest: irgendwann selbst Musiker zu werden. Nach Unterricht unter anderem bei Dave Liebman zog Evans 1979 nach New York, wo ein bedeutsames Telefonat seiner Karriere die Richtung gab: Er wurde Saxofonist in der Comeback-Band des Trompeters Miles Davis. „Ich habe gelernt, nur ich selbst zu sein“, erinnert er sich. „Das beste, was du machen kannst, ist, deinen Instinkten zu vertrauen. Das haben so auch die Musiker gemacht, mit denen ich zusammenarbeiten durfte.“

Die vier Jahre mit Davis wurden prägend für den damaligen Mittzwanziger. Sie schärften seinen Sinn für eine stilistische Offenheit und sein Spiel auf dem Sopran- und Tenorsaxofon erhielt seine erzählerische Eloquenz und seinen melodischen Schliff. Basis war zu der Zeit schon die Fusion aus Jazz und Rock, die Evans, geschult durch die Lehrjahre bei Davis, gegenüber Funk und Soul öffnete.

Die Lust an stilistischer Diversität: Das ist es, was sich seitdem wie der sprichwörtliche „Rote Faden“ durch die Laufbahn des Saxofonisten und Bandleaders zieht. Anfang der 1990er integrierte Evans HipHop und Rap in seinen musikalischen Kosmos, bevor er sich amerikanischer „Roots Music“ zuwandte und unter anderem mit Bluegrass und weiteren „Americana“-Gattungen experimentierte.

Seine stilistische Vielseitigkeit und musikalische Offenheit machten Evans von Beginn an zum gefragten Sideman für Jazzgrößen wie Herbie Hancock oder John McLaughlin. Doch am deutlichsten treten seine Eigenschaften in den Albumveröffentlichungen unter eigenem Namen zu Tage: von seinem Debütalbum „Living In The Crest Of A Wave“ 1984 über „Push“ 1993 bis hin zu „Soulgrass“ 2005 und „Vans Joint“, seiner ersten Zusammenarbeit mit der WDR Big Band, 2009. „Für mich ist es inspirierend, immer wieder neue Musik zu spielen“, sagt Evans. „Ich langweile mich, wenn ich immer das gleiche Zeug spielen muss. Deshalb verändert sich meine Musik alle paar Jahre. Ich glaube, die Inspiration dazu ist mir angeboren.“

Dieser Exkurs in die Biografie von Bill Evans hat eine Menge mit dem Konzertabend Mitte Februar 2011 im Kölner Stadtgarten zu tun. Denn es standen nicht nur neue Stücke auf dem Programm, sondern auch Arrangements älterer Evans-Originals, die beispielhaft für die kreative Vita des Tenor- und Sopransaxofonisten sind. Eine Retrospektive der besonderen Art also: besonders, weil Evans zum zweiten Mal mit den Musikern der renommierten WDR Big Band zusammentraf; besonders aber auch, weil in der Zeit der Amerikaner Michael Abene Chefdirigent und Arrangeur dieser Radio-Bigband war. Der multistilistische Ansatz, der viele der Evans-Kompositionen auszeichnet, bekommt durch die Handschrift von Evans’ Landsmann noch einen weiteren Twist in eine neue Richtung. „Jedes Mal, wenn ich die Arrangements von Michael zurückbekommen habe, hörte ich, wie die Musik gewachsen ist, weil er soviel daraus gemacht hat“, ist Evans überzeugt.

Gleich der Opener, „Big Fun“, zeigt sowohl die Klasse der Evans-Stücke und Abenes Arrangements als auch die spielerische Eleganz und Eloquenz des Saxofonisten. Ein rockender Funk-Jazz der Rhythmusgruppe befeuert die Bläsergruppen der WDR Big Band, die dem Tenorsaxofon erst die Reibefläche liefert, damit er bei sich das Feuer der Imaginationskräfte entfachen kann. Oder das darauf folgende „Road To Bilbao“. Rhythmisch schlägt das Pendel noch mehr in Richtung Funk und R&B aus. In diesem Umfeld spielt Evans seine ganze Größe als Sopransaxofonist aus und demonstriert sein untrügliches Gespür für den richtigen melodischen Duktus. Hier lässt er seine modulationsstarke Phrasierung strahlen, instinktsicher setzt er mit dem Sopran Akzente in das Tutti der Bläser der WDR Big Band.

Dass dieses Orchester nicht nur durch seinen dichten Ensemble-Klang überzeugt, zeigt der auf Evans’ Solo folgende Chorus von John Marshall. Auf der gestopften Trompete und Miles Davis als Grundlage greift er Evans’ melodische Impulse auf, um der Musik weitere Farben hinzuzufügen. „Es gibt nicht wie sonst in jeder Satzgruppe nur einen, sondern gleich fünf Solisten“, so Evans: „Jeder einzelne versteht, worum es beim Improvisieren geht, jeder fühlt sich der Musik verpflichtet.“

Doch was wäre Evans’ vielschichtiger Fusion-Sound ohne die passende Rhythmusgruppe. Mit dem deutschen Schlagzeuger Wolfgang Haffner und dem aus Kamerun stammenden, in Frankreich lebenden E-Bassisten Etienne Mbappé wurden zwei echte „Groove-Master“ zum Konzert der WDR Big Band mit Bill Evans eingeladen. Nicht nur spieltechnisch sind die beiden jeder ihnen gestellten Aufgabe gewachsen. Vielmehr besitzen Haffner und Mbappé gemeinsam die Gabe, einerseits einen eng verwebten Groove-Teppich auszurollen, andererseits das rhythmische Fundament per se unter Spannung zu setzen. Erst dadurch beginnt die stilistisch so diverse Musik von Evans und der WDR Big Band regelrecht zu atmen – und ein lebendiger Organismus zu werden.

Martin Laurentius

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