LOUISIANA RED

LousianaRed web
Album: At Onkel Pö 1977
Label: Jazzline
Vertrieb: Good To Go
VÖ: 8. März 2019
 

Daheim in der Fremde

Nicht, dass Hannover plötzlich eine der weltweit wichtigsten Blues-Metropolen geworden wäre – aber erstaunlicherweise ließen sich seit Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts gleich zwei sehr spezielle Meister dieser Musik ausgerechnet hier nieder. Noch vor Louisiana Red, bürgerlich Iverson Minter und 1932 in Bessemer / Alabama geboren, war 1976 schon Jack Dupree hierher gezogen, der „Champion“ (weil er mal geboxt hatte – böse Zungen sagen: etwa so wie er später Klavier spielte; aber auch das stimmt nicht). Dieser kauzige Sänger (der immerzu Shakespare zitierte) war auch ein außergewöhnlicher New-Orleans-Koch, dem Soulfood und Jambalaya genau so leicht von der Hand gingen wie die krausen Shows, für die berühmt war. Der „Champion“ blieb bis zum letzten Atemzug 1992 im Hochhaus direkt am Hauptbahnhof – und die Jazz- und Blues-Gemeinde der Stadt, die zur Wahlheimat geworden war, bereitete ihm eine extrem stimmungsvolle Totenfeier am Seelhorster Friedhof, inklusive Umzug in die nächste Kneipe: „Nearer my good to thee“!

Dieser Jack Dupree also hatte Louisiana Red die friedliche Stadt mit den extrem hervorragenden Zug-Verbindungen nach überall hin wärmstens empfohlen, als der sich abwenden wollte von Heimat, die keine mehr war – weil sich Ende der 70er Jahre niemand mehr interessieren mochte für den „klassischen“ alten Blues. Iverson Minter und Gattin Dora fanden den Vorschlag akzeptabel – und haben tatsächlich bis zum Tod des Sängers, Gitarristen und Mundharmonika-Spielers im Februar 2012 in der hannoverschen Heidesiedlung gelebt, völlig unauffällig in einer eher biederen Nachbarschaft am Ostrand der Stadt. Fast immer sind sie allerdings unterwegs gewesen – dann tatsächlich hat ja die „Alte Welt“ haltbare Begeisterung gezeigt für Musiker vom Schlage des Louisiana Red. Und als Red am Ende des Weges angekommen war, hat auch ihm die Blues-Gemeinde vor Ort wiederum ein rauschendes Abschiedsfest bereitet, wie zehn Jahre zuvor dem Champion.

Der Künstlername „Louisiana Red“ übrigens (es gab auch mehrere andere) bezeichnet eine im Delta-Staat des Mississippi handelsübliche scharfe Soße. Handelsüblich wie der extrem archaische Blues, für den Louisiana Red immer beispielhaft stand; auch an jenem Abend Mitte Juni 1977, als er allein mit sich, Gitarre und Mundharmonika in „Onkel Pö’s Carnegie Hall“ nach Hamburg-Eppendorf kam, noch als Blues-Import von jenseits des Atlantiks. Da war er noch nicht so erschöpft vom Kampf um die Anerkennung daheim, dass er bereit war, nach Europa herüber zu wechseln.

Alles, was zu hören ist an diesem Abend und im Sound dieser mehr als vier Jahrzehnte später veröffentlichten Musik, ist pur. Und alles ist er: die Geschichten, die Louisiana Red singend erzählt, traurige wie die vom Krebstod einer Freundin und heitere wie die vom Traum, in dem er John F. Kennedy besucht („Jack“ im Text) und sich mit dem Präsidenten ziemlich einig ist darüber, wie nützlich sich einer wie er, Louisiana Red, doch eigentlich machen könnte beim Regieren; oder noch viel besser: wenn Ray Charles mit im Capitol-Team wäre.

Da ist nichts einfach nur so dahin gesungen – was Iverson Minter erzählt, ist immerzu und unbedingt ernst gemeint. Immerhin hatte das Leben ja mit geschrieben – der Junge aus Alabama hat eine eher finstre Kindheit durchlebt, mit der früh verstorbenen Mutter, dem Vater, den die Faschisten vom Ku-Klux-Klan ermordeten, mit dem prügelnden Onkel … Immer mal wieder ist Louisiana Red nicht nur mit dem Musik-Business und dessen Fallenstellereien gegenüber schwarzen Musikern in Konflikt geraten, sondern auch mit den rassistisch ausgelegten Gesetzen der herrschenden Klasse. Familiär gehörte er zudem ja auch noch zu einem der indigenen Stämme, den eigentlichen Besitzern von „Gods Own Country“ – an ein gemütliches Künstlerleben jedenfalls war wohl nie zu denken.

Vielleicht sind die über dreißig Jahre in Hannover ja auch eine Art von Antwort auf dieses Grund-Dilemma des Menschen und Musikers gewesen, der Louisiana Red war.

Auf der Bühne präsentiert er die „hardcore“-Variante des Blues. Nichts ist irgendwie elegant oder auch nur ausgefeilt; Reds Stimme, höher und angriffslustiger als sonst im Blues, hätte auch an der nächsten Straßenecke jede Chance, sich durchzusetzen; das Gitarrenspiel ist einfach und krallt sich in den intensivsten Momenten hinein in einzelne Töne oder kurze Sequenzen, die sich abzeichnen unter oder über den stampfenden, rollenden Rhythmen. Die Mundharmonika ist von genau der Art, die sofort herausfordert zum Mit- oder Nachmachen – Blues, wie dieser streitbare Interpret einer nie wirklich kommerziell anpassbaren Musik sie versteht, ist vor allem ein Statement für den Augenblick, eine Überlebensbehauptung in Zeiten, die nie einfach sein werden. Auch darum freut er sich, dass das „Pö“-Publikum, wie er meint, den „Blues versteht“…

Die US-amerikanische Heimat hat ihm in späteren Lebensjahren zwar ein paar Hände voll jener Anerkennung nachgereicht, die ihm seit den 50er Jahren verweigert worden war – und doch ist er geblieben, wo er eigentlich nicht hin gehörte; und womöglich gerade darum ein wenig produktive Ruhe fand – in Hannover, in der Heidesiedlung. Wer wusste, dass er da war, war stolz darauf. Wer jetzt einem wie diesem Louisiana Red zuhört, der nebenan zu Hause war, darf es auch jetzt noch sein.

Michael Laages 

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