JAMES BOOKER

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Album: At Onkel Pö 1976
Label: Jazzline
Vertrieb: Good To Go
VÖ: 1. März 2019
 

Der gute böse Geist des Blues

Ob wohl damals, am 27. Oktober 1976, dessen musikalische Ereignisse hier akustisch dokumentiert sind, die lokale Krawall-Journaille auch einen Sensationsreporter entsandt haben mag in „Onkel Pö’s Carnegie Hall“ – auf dass der mit gespitztem Stift notieren werde, wie sich der Mann aus New Orleans diesmal wieder daneben benimmt? James Carroll Booker III, 35 Jahre alt zur Zeit dieses Hamburg-Besuches, hatte ja immerhin schon einen (aus bürgerlichem Kultur-Blickwinkel) repräsentativ und beispielhaft miesen Ruf zu verteidigen – seit Kinderzeiten und im Gefolge eines Unfalls mit einem Rettungswagen stand er in intimstem Kontakt mit einerseits schmerzstillenden, andererseits stimmungsaufhellenden Drogen: James C. Booker war ein Junkie, wie er im Buche steht. Schwerste Alkoholprobleme kamen hinzu. Und nachdem er sich beim Umgang mit der Nadel ein Auge verletzte, trug dieser Mister Booker aus New Orleans auch noch eine Augenklappe, wie bei Piraten üblich. Da musste doch die Polizei zumindest vor der Onkel Pö-Tür stehen, wenn so einer anlandet!

James C. Booker war unbedingt einer jener Musik-Typen, vor denen brave Eltern die nicht mehr ganz so braven Sprösslinge immer gewarnt haben. Wer sich nun aber mit womöglich genau diesen etwas abseitigen Erwartungen in das Eckhaus Lehm- und Eppendorfer Weg begeben hatte an jenem Oktober-Abend, wer sozusagen eine tragische Legende miterleben wollte, die alle paar Minuten vom Klavierhocker oder gar von der Bühne zu fallen droht (das hat’s ja auch gegeben!), der (oder die) wird auf drastische Weise ernüchtert worden sein – nichts, gar nichts, überhaupt kein Skandal ist zumindest in diesem ersten Teil des „Pö“-Konzertes zu erleben; stattdessen eine Art Hochamt dessen, was den Blues an der Geburtsstätte ausgemacht haben mag.

James C. Booker spielt so unerhört fabelhaft und akkurat auf den Blues-Punkt genau, dass all das Gelärme und Gezeter, auch all die Legendenbildung drumherum seit dem frühen Tod 1983 (im Warteraum einer Drogenklinik!), so nebensächlich und belanglos erscheinen mag wie der Fahrplan der Hamburger U-Bahn. Bei dem ist es ja auch egal, wann die letzte fährt – wenn nur (wie in diesem Fall) einer so hingebungsvoll und voller Stimmung, Spannung und Gefühl die vielen eigenen und auch einige populärere, prominentere Geschichten des Blues erzählt; tief verwurzelt im spirituellen Humus der Stadt zwischen Mississippi und Lake Pontchartrain.

Und es kann eben nicht nur kollegiale Süßholzraspelei gewesen sein, wenn Mac Rebennack alias Dr. John oder Fats Dominos ewiger Partner Dave Bartholomew oder einer der Neville-Brüder von der kurzen, intensiven Karriere des James C. Booker berichtet haben. Sie alle haben Booker gefördert, so gut es eben ging; und ihn sicher auch vor sich selbst geschützt. Offenbar flossen abseits all der desaströsen Stolperfallen am Lebensweg dieses Musikers derart viele lebensspendende Adern des Blues-Universum zusammen, dass dieser immerzu Gefährdete, von so vielen bösen Geistern Abhängige in den energischeren Stunden nichts weniger gewesen sein muss als ein Genie seiner Zeit, seiner Epoche und der musikalischen Geschichte, aus der er hervorwuchs. Biographische Legenden berichten natürlich auch davon, dass ein derart unberechenbar agierender Mann zuweilen auch unsäglich miese Auftritte ablieferte – aber der Abend im „Onkel Pö“ kann damit nicht gemeint sein.

Klassiker hat er zur Hand: Percy Mayfield, Fats Domino und Dave Bartholomew, Jimmy Witherspoon und Allen Toussaint, Doc Pomus und T-Bone Walker. Dazu mischt er ein paar Handvoll eigener Kompositionen wie etwa die Story vom „Junco Partner“, was der Titelsong einer damals frischen Plattenaufnahme war, von der auch Dr. John berichtet … Und was er in die Hände nimmt an diesem Abend, lädt er auf mit rollenden Bässen und virtuosem Flimmern und Flirren in der rechten Hand: nichts weniger als einen in tiefster, geschundener Seele unerhört verspieltes, sich nach Leichtigkeit, Lust und Glück sehnendes Genie hören wir heute, mehr als vier Jahrzehnte danach.

„Send Me Someone to Love“ – wen interessiert es, dass das möglichst ein schöner junger Mann sein sollte? Mit nichts fällt James C. Booker aus dem Rahmen an diesem offenbar auch ihn extrem belebenden Abend im „Onkel Pö“; ein CD-Nachschlag (mit dem Finale) wird ja noch folgen. Die Polizei kann schlafen gehen, der Klatschreporter kriegt nichts zum Klatschen. Wer den Blues liebt, wer ihn ihm gern auch die Quelle für so unerhört viele spätere Entwicklungen empfindet, mit den ersten Schritten hin zu Soul und Rock und darüber hinaus, der hört hier staunend und irgendwie beglückt der kristallinen Klarheit dieses Konzertes zu. Und wenn James C. Booker, der Mann mit der Augenklappe aus New Orleans, gar „My Bonnie“ anstimmt und völlig gegen alle sentimentalen Dreiviertel-Konventionen von „Over The Sea“ und „bring back my bonnie to me“ bürstet, dann stoppen wir den CD-Player und hören uns das Stück noch mal von vorne an.

Wie macht er das? Es ist ganz einfach. Aber wer kommt schon drauf –

außer James C. Booker?

Michael Laages 

 

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