RANDY BRECKER & NDR BIGBAND

RandyBrecker Rocks web

Album: Rocks (with David Sanborn, Ada Rovatti, Wolfgang Haffner)
Label: Jazzline
Vertrieb: Good To Go
VÖ: 22. Februar 2019
 

1966 nimmt Randy Brecker an einem internationalen Jazz-Wettbewerb in Wien teil und belegt in seiner Instrumental-Fraktion Platz zwei, hinter Franco Ambrosetti. Fernab des Jazz denkt Europa in jenen Monaten beim Stichwort „Trompete“ nur an einen: an Raffaele Celeste Rosso, kurz: Nini Rosso. Mit seinem Welthit „Il Silenzio“ („Abschiedsmelodie“) wird dessen dahinschmelzendes und schmalzendes Horn zum Inbegriff der „romantic trumpet“ (heute bevorzugen „geblasenes Easy Listening“ vermarktende Sampler das Etikett „smooth trumpet“). Ein unüberhörbarer Image-Wandel: Bis dato galt Rosso als einer der besten Jazz-Trompeter Italiens.

 

Und Randy? In eben jenem Jahr – 1966 - zieht er von Philadelphia nach New York. Zu den ersten Engagements gehören Big Bands. Die von Clark Terry, die Duke Pearson Big Band und das Thad Jones/Mel Lewis Orchestra. Das jazzmusikalische XL-Format ist für Trompeter (fast) immer eine Option, erst recht für jemanden wie Randy, dessen musikalisches Naturell lyrisch-sanfte Ausflüge zwar nicht ausschließt, das aber noch lieber Druck ausübt – und gerne hinter sich spürt. Jüngster Ausdruck dieser Lust ist die vorliegende CD, ein big bang mit Big-Band. Und bereits der Titel klingt wie ein dampfender Gegenentwurf Randys zu Rossos „Il Silenzio“…: Rocks.

Der gleichnamigen Komposition kam schon früh eine gewisse programmatische Funktion zu. Erstmals 1975 aufgenommen für das Debüt der Brecker Brothers (The Brecker Bros.), fungierte das Stück damals als Opener ihres Live-Repertoires (nachzuhören auf dem vor kurzem veröffentlichten Mitschnitt eines Auftritts von 1976 im New Yorker The Bottom Line. Auch damals dabei: David Sanborn). „Rocks“ stellte gleich von Anfang an klar, worum es vor allem ging – um mit viel Testosteron aufgeladenen Jazz-Rock, messerscharfe Bläsersätze und hitzige Soli, um jenen so geschliffenen und doch rauen New-York-Sound – das, was der Titel eines späteren Live-Albums so treffend auf den Punkt brachte, Heavy Metal Be-Bop.

„Die Situation des Rundfunks in den USA ist weiterhin frustrierend: auf der einen Seite das Smooth-Jazz-Radio, auf der anderen das puristische Jazz Radio. Aber es gibt nichts zwischen diesen beiden Extremen, du wirst nicht im Radio gespielt werden, wenn du nicht das eine oder das andere bedienst. Das tue ich nicht. Also mache ich meine eigene verschrobene Musik.“ Die wird in Europa umso mehr wertgeschätzt. Auch und gerade von Big Bands des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das aktuellste Beispiel liefert die NDR Bigband.

So unverwechselbar Randys improvisatorische Sprache, so unverwechselbar seine kompositorische Handschrift. Da macht es im wahrsten Sinnes des Wortes „doppelt“ Sinn, ihn als Solisten u n d als Urheber einzuladen. Rocks vereint Stücke aus verschiedenen Perioden und hat durchaus etwas von einer Werkschau. Sie zu orchestrieren, bedeutet eine besondere Verantwortung: Für den Arrangeur gilt es, u.a. die

Charakteristika der Kompositionen herauszuarbeiten, ohne dabei allzu viel zu verändern, und gleichzeitig die Arrangements auf den gesamten Klangkörper zuzuschneiden. Jörg Achim Keller, der das Orchester seit den 80er Jahren kennt, von 2008 bis 2016 Chefdirigent der NDR Bigband war und derzeit die Position des 1. Gastdirigenten innehat, hat diese Herausforderung grandios gemeistert.

Während die 2018 erschienene CD Together mit dem finnischen UMO Jazz Orchestra Brecker als Solisten (in Stücken von Mats Holmquist) präsentiert, geht es bei Rocks um mehr – um ein Porträt. Ein solches wurde schon einmal von einer deutschen Radio Big Band realisiert: 2003 traten Randy und sein Bruder Michael in ihrem letzten gemeinsamen Projekt mit der WDR Big Band bei den Leverkusener Jazztagen auf. Auch damals bot das von Vince Mendoza arrangierte Programm einen Querschnitt durch des Trompeters Urheberschatz – freilich mit anderen Kompositionen als auf Rocks. Veröffentlicht wurde der Mitschnitt unter dem Titel eines Stückes, mit dem die Brecker Brothers ihre Konzerte zu beenden pflegten, Some Skunk Funk.

War bei der WDR-Aufnahme mit dem Bassisten Will Lee ein Gründungsmitglied der Brecker Brothers Band dabei, so bereichert auch die NDR-Aufnahme ein Band-Mitglied aus frühen Tagen, Altsaxophonist David Sanborn. Einer der Granden des Fusion-Jazz, an dessen Ton sich unzählige Instrumentalkollegen versuchten und der dennoch das Prädikat „Alleinstellungsmerkmal“ verdient. Ebenfalls Gast dieser ansonsten reichlich männlichen Gesellschaft ist Randys Ehefrau und Landsmännin Nini Rossos, die Tenorsaxophonistin Ada Rovatti. Sie wirkte (wie Sanborn) an Randys Album 34th N Lex als auch an der Brecker Brothers Band Reunion (2013) mit. Die illustre Gäste-Liste komplettiert mit Wolfgang Haffner einer der international erfolgreichsten deutschen Jazzmusiker, ein Schlagzeuger, den Randy seit dessen Karriere-Beginn kennt und mit ihm des Öfteren gespielt hat.

Wenn es darum geht, das jeweilige unverwechselbare Profil einer Rundfunk-Big-Band zu umreißen, wird im Falle der NDR Bigband immer wieder darauf verwiesen – und das vollkommen zu Recht -, sie sei (auch) eine „Band der Solisten“. Und so befindet sich Brecker in bester improvisierender Gesellschaft – mit Soli der Saxophonisten/Klarinettisten Fiete Felsch, Frank Delle, Björn Berger und Edgar Herzog, des Pianisten Vladyslav Sendecki und Perkussionisten Marcio Doctor, aber auch mit Beiträgen der speziell für dieses Projekt engagierten Kollegen, des Gitarristen Bruno Müller und des Bassisten Christian Diener. 

FIRST TUNE OF THE SET war und ist genau das: Opener bei den Auftritten der Brecker Brothers Band Reunion und Auftakt der CD Rocks. ADINA (ebenfalls vom BBB-Reunion-Repertoire) hat Randy für Ada Rovatti geschrieben. Musikalische Gedanken an die Liebste, die ihn leichtfüßig tänzeln lassen. Sie selbst ist hier Solistin und wechselt vom Tenor zum Sopran. SQUIDS (erstmals aufgenommen für das 77er BB-Album Don’t Stop the Music) repräsentiert Brecker-Fusion in Reinkultur und das, was der Komponist wahrscheinlich als „funky, quirky & corky“ umschreiben würde. PASTORAL (aus Randys Hangin‘ in the City, 2001) ist ein weiteres kompositorisches Tribut, eine Verneigung vor Jaco Pastorius, in dessen Big Band Word of Mouth Randy in den 80ern spielte. THE DIPSHIT (BBB Reunion) lädt ein zum finger-snappin‘ & feet-tappin‘. Ausdruck seines Faibles für den klassischen Hardbop und für Vorbilder/Einflüsse wie Lee Morgan, Clifford Brown, Kenny Dorham, Blue Mitchell und Freddie Hubbard. Und, ja, ein Hauch Reminiszenz an jene Tage, als Randy und Michael im Quintett von Horace Silver spielten. Dann zwei Titel aus der 1992 umjubelten Rückkehr der vielleicht populärsten jazzmusikalischen Bruderschaft, aus Return of the Brecker Brothers: ABOVE & BELOW, ein burner ganz im Geist der alten BB, und anschließend mit der melancholischen, klangtrunkenen Ballade SOZINHO ein Kontrapunkt, der Randy einmal von seiner ungemein lyrischen Seite zeigt. ROCKS tut eben das, it rocks. Und THREESOME (vom BB-Album Straphangin‘, 1981) sorgt für ein hymnisches Finale voller Blues und Gospel, in dem die Solisten noch einmal vor Wonne schreien.

Über fünfzig Jahre nach jenem Wettbewerb in Wien ist Brecker immer noch einer der weltbesten Trompeter. „Du darfst nie aufhören, dich mit deinem Instrument zu beschäftigen. Ich wüsste auch nicht, was ich ohne die Trompete tun sollte. Es gibt Momente, da könnte ich sie aus dem Fenster werfen. Aber wenn sie tut, was du willst, dann macht es einen Riesenspaß!“ Man hört es. Randy rocks. They all rock. Rocks rocks.                 

Karsten Mützelfeldt

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