RICHIE BEIRACH

Beirach cover web

Album: Inborn
Label: Jazzline
Vertrieb: GoodToGo
VÖ: 13. April 2018
 

Blickt man mit dem Wissen von Heute auf diese beiden Tage im April 1989 zurück, so wäre es ein einfaches zu sagen, dass vor fast 30 Jahren in den Clinton Studios in New York eine All-Star-Besetzung in Sachen zeitgenössischer Jazzmusik unter der Leitung des Pianisten Richie Beirach (1947 geboren) zusammengekommen ist: mit den beiden Brecker-Brüdern, dem Tenorsaxofonisten Michael (1949 geboren, 2007 gestorben) und dem Trompeter Randy (1945 geboren), mit dem Gitarristen John Scofield (1951 geboren), dem Bassisten George Mraz (1944 geboren) und dem Schlagzeuger Adam Nussbaum (1955 geboren). Alle sechs hatten sich damals schon international einen herausragenden Ruf als innovative, virtuos auftrumpfende Jazzmusiker erspielt – allen voran natürlich die Brecker-Brüder, die zu der Zeit längst so etwas wie „Superstars“ im modernen Jazz waren.

Der eigentliche Anlass für diese Studiosession ist einerseits bemerkenswert, andererseits aber durchaus üblich im Jazz. Beirach, der eine Zeit lang in der Band von Chet Baker gespielt hatte, wollte diesem im Jahr zuvor, 1988, auf tragische Weise ums Leben gekommenen Trompeter ein musikalisches Denkmal setzen. Und zwar nach seinem Gusto: Der Pianist wollte mit den Aufnahmen zeigen, wie zeitlos Bakers Schaffen und Werk, wie prägend und stilbildend dieser als Jazzmusiker für die nachfolgenden Generationen gewesen ist.

Und so kam es, dass eine Handvoll Jazzstandards aus dem Songbook dieses tatsächlich legendären Trompeters und eine Reihe Originalkompositionen aus der Feder von Beirach durch diese Traumbesetzung eingespielt wurden. „Some Other Time“ hieß das Album, das kurz nach dieser Studiosession erschien und dem noch ein kennzeichnendes „A Tribute To Chet Baker“ als Untertitel mitgegeben wurde. Mehr als nur eine Randnotiz wert war die Aufnahmesituation. Die sechs Jazzmusiker spielten am ersten Tag Mitte April 1989 alleine in den Räumen der New Yorker Clinton Studios konzentriert die Stücke ein, um dann am zweiten Tag Freunde und Bekannte einzuladen und gleichsam unter verschärften Bedingungen live vor Publikum in einem Rutsch ein teils identisches Repertoire wie das vom Vortag aufzunehmen.

Um sich heute das Besondere dieser Studiosituation der sechs befreundeten Musiker zu vergegenwärtigen, sollte man sich erinnern, was für ein Jahrzehnt 1989 zu Ende ging. Einerseits waren es Jahre mit gravierenden, politischen und gesellschaftlichen Ereignissen und Einschnitten auf der Weltbühne; man denke nur an den Zerfall der Sowjetunion oder an den Fall des „Eisernen Vorhangs“ zwischen den politischen Blöcken Ost und West. Andererseits war die gesellschaftliche Situation in den USA der 1980er-Jahre geprägt durch einen konservativen Rollback im ganzen Land: mit zwei Präsidentschaften von Ronald Reagan zwischen 1981 und ’89 sowie der Amtsübernahme durch George W. Bush Sen. Mit einer Ausnahme: New York, diese Metropole an der amerikanischen Ostküste, war in diesem Jahrzehnt weiterhin kreativer Hort für die internationale Kunst- und Kulturavantgarde.

In dieser brodelnden Atmosphäre New Yorks waren auch Beirach, die beiden Breckers, Scofield, Mraz und Nussbaum zu Hause. Als Jazzmusiker hatten sie ihr Auskommen – gleichgültig, ob als Leader eigener Bands und Projekte oder als Sidemen in den Gruppen anderer. In den vielen Jazzclubs in der Stadt konnte man an jedem Tag der Woche Konzerte erleben. Trat an einem Abend beispielsweise Dexter Gordon im Village Vanguard auf, so konnte man am nächsten vielleicht McCoy Tyner mit seinem Trio im Sweet Basil hören – oder einer der sechs Musiker, die 1989 in den Clinton Studios zusammenkamen, spielte selbst mit einer seiner Bands etwa im Club Seventh Avenue South, der von den Brecker-Brüdern geleitet wurde. Und auch wenn alle in den 1980er-Jahren längst international arrivierte und anerkannte Jazzmusiker waren, so ließen sie es sich dennoch nicht nehmen, hin und wieder bei einer der vielen „After Hours Session“ in der Stadt einzusteigen. Und wahrscheinlich am wichtigsten: In einer der Bars im Greenwich Village inmitten von Manhattan konnten die sechs bei einem Drink kontrovers über ihre Musik diskutieren, ihre kreativen Visionen entwickeln oder einfach nur freundschaftlich miteinander plaudern. All das nahmen Beirach, die Breckers, Scofield, Mraz und Nussbaum im April 1989 als Rüstzeug mit in die New Yorker Clinton Studios.

Es ist tatsächlich ein besonderer Glücksfall, dass der Pianist Richie Beirach vor einer Weile zusammen mit dem deutschen Musikproduzenten, Gründer und Chef des früheren Jazzlabels CMP Records, Kurt Renker, die Rechte an den vor fast drei Jahrzehnten aufgenommenen Stücken erworben hat. Nun hat man die Möglichkeit, die zweitägige Studiosession dieses prominent besetzten Sextetts in Gänze zu hören. In den insgesamt 15 Stücken wird heute wohl noch offensichtlicher als vor 30 Jahren, mit was für einer spielerischen wie instrumentaltechnischen Klasse und mit welchem Spirit die sechs Musiker im Studio zu Werke gingen: wie sie etwa in ihren Solochorusse durch die tonal nicht einfach gesetzte Harmonik der von Beirach arrangierten Jazzstandards und Originalkompositionen zirkelten oder wie ihre Intuition geschärft war, um im Moment des Entstehens ihrer Musik das zum Ausdruck zu bringen, was sie per se als Menschen auszeichnet.

Dass „Inborn“, so der treffend gewählte, neue Titel, keine Wiederveröffentlichung einer historischen Aufnahme im üblichen Sinne ist, zeigt sich, neben fünf zuvor nie veröffentlichten Einspielungen, auch und gerade dadurch, dass Beirach und Renker als Produzenten die Abfolge der Stücke neu strukturiert haben, um zu zeigen, wie sich ihre Sicht auf die Jazzlegende Chet Baker im Lauf der vergangenen 30 Jahre verändert hat: So folgt nun zum Beispiel auf die berühmte Ballade „My Funny Valentine“, für Baker zeitlebens sein „Signature Song“, Beirachs in schlurfendem Tempo gespielte Latin-Jazz-Nummer „Leaving“, bevor dessen im rubatohaften Duktus von Klavier, Tenorsaxofon und Kontrabass vorgetragenen, ausschließlich am Klang orientierten „Inborn“ einsetzt, um mit einem wehmütigen Tonfall im Leonard-Bernstein-Musicalklassiker „Some Other Time“ noch einmal leise an Baker zu erinnern und den binnenmusikalisch strukturierenden Bogen, der über diese vier Stücke gespannt wird, schlüssig zu Ende bringen. 

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